Frühes Lesen - Sprache lernen

Down-Syndrom Tagung in Salzburg September 2015, Themenblock 3, 
Nicolette Blok -Frühförderin

Mike stampft, tobt und schlägt wild um sich – logisch schon wieder haben wir nicht verstanden, was er uns erzählen will. Mit Händen, Füßen und einem für uns nicht zu verstehenden Wörterfluss versucht er uns seine Geschichte, die ihn anscheinend so bewegt, zu erzählen. Wir verstehen Teile und interpretieren, was manchmal richtig, manchmal aber auch total falsch ist, Mike ist also wieder frustriert. Aus unserem fröhlichen Mike wird immer öfter ein unverstandenes, tobendes, frustriertes Kind.

Elena, eine 4-jährige Prinzessin mit Down-Syndrom hat gelernt, sich mit Hilfe von Gebärden unterstützer Kommunikation (GuK) auszudrücken. Dadurch schafft sie es, das was sie möchte, zu erreichen. Sie hat zuerst eher undeutliche Laute durch die Verwendung von GuK verständlich gemacht, aber irgendwie ist sie über die Verwendung von 3- und 4-Wortsätzen nicht hinausgekommen. Ihre Not war nicht so groß wie die von Mike, aber trotzdem ist ihre Sprachentwicklung stagniert. Viele Eltern erkennen in der einen oder anderen Situation wohl Ähnlichkeiten.

Kinder mit Down-Syndrom erlernen die Sprache meist nicht wie andere Kinder, die vom Zuhören, Nachahmen und Ausprobieren lernen. Um ihre Sprachentwicklung schon von klein an positiv zu beeinflussen und den Kindern mit Down-Syndrom beim Sprechenlernen zu helfen, kann man verschiedene Methoden anwenden. Neben GuK wird in vielen Ländern dazu die Methode des frühen Lesenlernens eingesetzt. Kindern mit Down-Syndrom wird dabei zu einer früheren, kompletteren und besseren Spontansprache verholfen. Außerdem lernen die Kinder das Lesen auf diese Weise ganz nebenbei.

Lesen ist wie hören mit den Augen

Um mögliche Verwirrung zu vermeiden, geht es hier um das frühe Lesenlernen mit dem Ziel, Kinder mit Down-Syndrom eher zum Sprechen zu bringen und ihre Sprachentwicklung positiv zu beeinflussen. Es geht also nicht um das Lesen, das ist hier nicht das eigentliche Ziel. Es geht darum, den Kindern durch das frühe Lesen die Sprache auch mal auf einer anderen Ebene anzubieten. Das Gewöhnungsbedürftige dabei ist, dass man die Sprache nicht über den auditiven Kanal, also über das Gehör, sondern über den visuellen Kanal, die Augen, anbietet. Das Lesen ist hierbei ein Hilfsmittel und wird hier als Brücke zur frühen oder besseren Sprache eingesetzt. Also Visualisierung, um die bei Kindern mit Down-Syndrom nachgewiesenen Schwächen im auditiven Bereich zu kompensieren. Moira Pietersen sagt dazu: „Lesen ist wie hören mit den Augen“.

Bub liest

Alle, die mit kleinen Kindern mit Down-Syndrom arbeiten, wissen wie frustrierend die Zeit sein kann, wo ein 3-, 4-, 5-, 6- oder 7-jähriges Kind  etwas erzählen, kommunizieren möchte,  aber dazu nicht oder nicht zur Genüge in der Lage ist. Wenn durch diese Lesemethode die Zeit des Nicht-verstanden-Werdens verkürzt werden kann, warum sollte man es nicht einfach versuchen?

Das visuelle Gedächtnis ist bei Kindern mit Down-Syndrom wesentlich besser ausgebildet als das auditive Gedächtnis. Das auditive Gedächtnis bezieht sich auf die Fähigkeit, Wörter und Klänge lange genug zu behalten, um sie zu verarbeiten und auf sie zu reagieren. Dieser Prozess beinhaltet das Hören der Information, das Verstehen ihrer Bedeutung, die Verknüpfung mit anderen bereits vorhandenen Informationen, das Wiederfinden und schließlich die Wiedergabe oder die Reaktion. Kinder mit Down-Syndrom haben normalerweise Probleme mit diesem Prozess. Ihre absolute Stärke ist allerdings das visuelle Gedächtnis, hier sind sie Kindern ohne Down-Syndrom mit dem gleichen Entwicklungsstand sogar überlegen. Für Kinder mit Down-Syndrom ist das Lesenlernen eine besondere Hilfe im Spracherwerb.

Es hat sich deutlich gezeigt, wie das Lesen die Sprachentwicklung insgesamt fördert:

  • Geschriebene Wörter machen Sprache sichtbar und können auditive Probleme vermindern. Geschriebene Wörter können so lange betrachtet werden, wie es für das Verstehen nötig ist.
  • Wortkarten kann man sortieren, nach Regeln ablegen oder nach Begriffen ordnen. Ein wichtige Vorraussetzung, um Grammatik zu verstehen und zu verwenden
  • Lesen ermöglicht es den Kindern die Aussprache zu verbessern, Sätze zu lesen, einzuüben, sich zu erinnern und dann zu wiederholen. Das Kind „weiß“ jetzt, dass Sätze mehr Wörter haben, als sie meist hören. Die Kinder fangen an, Wörter, die sie gesehen haben auch in die Sprache zu integrieren.

Es gibt mittlerweile verschiedene Methoden, die das Lesenlernen beschreiben. Letztlich wollen sie alle das Gleiche und unterscheiden sich nur minimal. Patricia Logan Oelwein illustriert die Wortkarten mit Bilder. Das schaut zwar ganz nett aus, aber die Kinder brauchen sie nicht wirklich, um die Wörter einzuüben. Das Material und die Ideen, die sie in ihrem Buch beschreibt, um das Lesen und die Wörter im Alltag präsent zu halten, finde ich allerdings genial. In „Kleine Schritte“ wird das Lesen sehr langsam und in vielen kleinen Schritten aufgebaut. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass das aber nur selten nötig ist. Manche arbeiten auch mit der Methode, wo nur ein Wort gezeigt wird. Das Wort ist größer geschrieben und wird den Kindern immer wieder kurz gezeigt. Die Methode verwende ich eher bei Schulkindern, die manche Wörter richtig schreiben sollten und wo der Fokus also nicht auf die Sprachentwicklung gerichtet ist. In meiner Arbeit als Frühförderin, wo der Schwerpunkt schon immer die Sprachentwicklung war, habe ich vor allem die Methode angewendet, die Cora Halder von Deutschen Down Syndrom Infocenter in vielen Publikationen beschrieben hat. Das Wichtigste war für mich immer, die Kinder in der Sprachentwicklung zu unterstützen, Sprache sichtbar zu machen, die Sprache kompletter zu machen, um es ihnen so zu ermöglichen, auch längere Sätze zu verwenden.

>>Hier gehts weiter zur Methode des frühen Lesens<<

>>Download pdf Tagungsprotokoll Nikolette Blok Frühes Lesen<<