Lesen als Sprachanbahnung

frei übersetzt nach Prof. Sue Buckley, http://www.downsed.org, von Bernadette Wieser

Teil 1: Gründe für die Schwierigkeiten im Spracherwerb

Seit unseren ersten Erfahrungen mit Kindern mit Down-Syndrom, die früh lesen lernen, ist der Fortschritt nicht stehengeblieben. Es ist jetzt möglich, einige spezifische Schwierigkeiten im Lernen zu erfassen, die die Sprachentwicklung von Kindern mit Down-Syndrom verzögern.
Und diese zu kennen, hilft auch, zu verstehen, warum das Lesenlernen den Kindern helfen kann, einige ihrer Schwierigkeiten zu überwinden.

1. Vermindertes Gehör:

In den letzten zehn Jahren hat eine Reihe von Studien ein gehäuftes Auftreten von bedeutenden Hördefiziten bei jungen Kindern mit Down-Syndrom belegt. Diese können bei etwa 80% der (Klein) Kinder mit Down-Syndrom die Sprachentwicklung beeinträchtigen.

2. Entscheidende Auswirkungen von der Modalität (Art und Weise) der Vorgabe.

Eine Reihe von Studien hat gezeigt, dass Kinder mit Down-Syndrom mehr Leistung zeigen, wenn Aufgaben eher visuell als auditiv präsentiert werden, und wenn die Antwort mit Hilfe der Hände gegeben werden kann, wenn das Kind zeigen oder auswählen darf.
(Anm.d. Red.: Genau dies geschieht beim frühen Lesenlernen mit Wortkarten: Das Kind hat die Möglichkeit, das Wort zu hören und zu sehen, und kann sein Können damit zeigen, indem es auf Aufforderung auf das richtige Wort zeigt und, wenn möglich, es gleichzeitig ausspricht).

3. Auditives Kurzzeitgedächtnis:

Wie unsere neueren Studien zeigen, entwickelt sich das auditive Kurzzeitgedächtnis verlangsamt gegenüber der allgemeinen kognitiven Entwicklung. Das macht die Satzverarbeitung und folglich das Erlernen der Grammatik und Syntax vom bloßen Hören her besonders schwierig für die Kinder und erklärt, warum viele Kinder mit Down-Syndrom noch in ihren Jugendjahren im Telegrammstil sprechen.

4. Visuelles Gedächtnis:

Bei Kindern mit Down-Syndrom arbeitet bei kurzen Informationssequenzen das visuelle Gedächtnis effektiver als das auditive Gedächtnis. Das ist die Umkehrung der Entwicklung, die wir bei gewöhnlichen Kindern beobachten, wo das auditive Gedächtnis besser als das visuelle ist. (das bessere visuelle Erinnerungsvermögen kann einer der Gründe dafür sein, warum Kinder mit Down-Syndrom das Lernen am Computer, das die Information ja visuell präsentiert, genießen).

5. Sprachproduktion:

Verschiedene Autoren beschreiben die sprachmotorischen Entwicklungsrückstände und Schwierigkeiten, die die Fähigkeiten der Kinder mit Down-Syndrom, klar und deutlich zu sprechen, beeinträchtigen. Die Entwicklung jener Kinder, die Gebärden intensiv benutzen, Monate bevor sie zu sprechen beginnen, lässt ein spezifisches Problem in der Wortproduktion erahnen. Das Kind hat große Schwierigkeiten, die Sprache auf gewöhnlichem Weg, also vom bloßen Hören der Erwachsenensprache zu erlernen. Die Gebärden und das Lesen helfen dem Kind, ihre Schwierigkeiten zu überwinden und führen zum Erfolg in der Kommunikation.

6. Lesen lernen um sprechen zu lernen:

Sobald wir erkennen, dass das Kind in der Lage ist, ein kleines Vokabular (aus seinem Lebensbereich) zu erfassen, werden wir auf ihren Wortkarten neue Wörter einführen, die sie noch nicht in ihrer Sprache verwenden oder auch noch nicht einmal verstehen können. Die Bedeutung dieser neuen Wörter erfährt das Kind über Spiele und Aktivitäten. Und sie sind so gewählt, dass wir damit Phrasen und kleine Sätze für das Kind bilden können, die es dann anzuwenden lernt. Die Auswahl dieser Sätze und Phrasen hängt vom gegenwärtigen Sprachlevel des Kindes ab.

So verwenden wir das frühe Lesen, um dem Kind die Möglichkeit zu geben, neue Wörter, Phrasen und Sätze zu erlernen, die es braucht um seine Spontansprache sowie die Syntax und die Grammatik zu verbessern. Dabei ist es jedoch wichtig, dass das neu Angebotene nur ein wenig über dem aktuellen Sprachlevel des Kindes liegt, denn sonst würde es zwar die Wörter eines Satzes laut und richtig lesen können, ihn jedoch nicht verstehen. Wir ermuntern die Eltern und Lehrer, einfache Bücher zu gestalten, die auf den eigenen Erfahrungen der Kinder aufgebaut sind. Unsere jungen Kinder mit Down-Syndrom lernen gleichzeitig zu lesen und zu sprechen, diese beiden Fähigkeiten beeinflussen und verstärken einander, genauso wie bei allen anderen Kindern auch. Der Unterschied besteht nur darin, dass unsere Kinder mit Down-Syndrom auf einer wesentlich früheren Stufe ihrer Sprachentwicklung mit dem Lesenlernen beginnen.

Teil 2: Kinder mit Down-Syndrom lernen lesen: ein geschichtlicher Überblick

1995 könnte sich als "Jahr der Wende" herausstellen, indem sich die Einstellungen bezüglich des Lesenlernens von Kindern mit Down-Syndrom endgültig änderten, zurückzuführen auf eine Publikation von einem Buch und 2 wissenschaftlichen Arbeiten. Etwas früher in diesem Jahr wurde Patricia Oelweins Buch "Das Lesenlernen von Kindern mit Down-Syndrom" in den USA veröffentlicht. Dies ist ein praxisbezogenes Buch für Eltern und Lehrer, das ein klares Programm bietet, um den Kindern mit Down-Syndrom das Lesen zu lehren und beinhaltet auch zahlreiche kreative Ideen zum Üben.

Patricia Oelweins Ansicht zum Lesen ist dieselbe wie unsere am Sarah Duffen Centre: "Die meisten Kinder mit Down-Syndrom sind in der Lage, soweit lesen zu lernen, dass sie praktischen Nutzen daraus ziehen können und dass das Lesen ihre sprachlichen Fähigkeiten verbessern kann. Vor 25 Jahren war es lediglich eine winzige Minderheit von Kindern mit Down-Syndrom, die lesen lernten, dies ist auf fachliche Unwissenheit zurückzuführen. Patricia Oelwein: "Im Grunde genommen war nicht nur die wissenschaftliche Forschung für das Lesen für diese Kinder nicht vorhanden, sondern die Möglichkeit für sie, lesen zu lernen, war genauso wenig existent.

Jetzt in den 90iger Jahren glaube ich, dass es die "Nichtleser" unter den Kindern mit Down-Syndrom sind, die die Ausnahme bilden. Der Titel "Lesen lernen um Sprechen zu lernen" wurde erstmals von Leslie Duffen 1974 verwendet und zwar in einem kleinen Buch, das er geschrieben hatte. In diesem Büchlein beschrieb Leslie die Art und Weise, mit der er seiner Tochter Sarah das Lesen gelernt hatte, als Sarah erst 3 ½ Jahre alt gewesen war. Leslie lehrte Sarah anhand der "Karten anschauen und benennen" Methode. Während er Sarah das Lesen lehrte machte Leslie zwei Beobachtungen:

1. dass Sarah das Erkennen der Wörter auf den Karten leicht fiel, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt gerade erst zu sprechen angefangen hatte.

2. dass es die Wörter und Sätze, die sie lesen konnte waren, die sie begann, in ihrer Sprache einzusetzen.

Das war schon ein vorhandener Beweis, der darauf hindeutete, dass Leslies Erfahrungen mit Sarah nicht die Ausnahme bildeten. In einem Artikel mit dem Namen "die großen Worte" der 1966 publiziert wurde, beschrieben Psychologen die Fortschritte von Jonathan, der 150 Worte mit 4 Jahren lesen konnte. Jonathans Eltern hatten mit 3½ Jahren begonnen ihn lesen zu lehren. Während er im ersten Monat nur 4 Wörter lernte, erkannte er 3 Monate später 37 Wörter, nach 6 Monaten 65 Wörter und am Ende des ersten Jahres 200 Wörter. Wie Leslie, nutzten sie das Lesen bald, um dem Kind zu helfen, Sätze zu bilden und zu verstehen. Die Psychologen, die zu Beginn skeptisch waren, dass Jonathan mehr als nur "Papageienlesen" ohne jedes Verständnis produzieren würde, waren schließlich von seiner Lesefähigkeit überzeugt und hielten fest: "Das Verständnis ist zweifelsohne gegeben. Wenn wir uns vor Augen halten, dass Jonathan erst 4 Jahre alt ist, mit einem IQ von 54, so scheinen diese Erkenntnisse ziemlich verblüffend". Das Experiment hat sich als Quelle von großem Vergnügen für Jonathan erwiesen und hat seine Artikulation großartig verbessert ... 1966 wurde in England "Die Welt des Nigel Hunt" präsentiert. Nigel Hunt hat Down-Syndrom und das Buch war seine Autobiographie mit einer Einführung, die von seinem Vater geschrieben worden war, die beschrieb wie Nigels Mutter ihn das Lesen gelehrt hatte und auch die Vorurteile und Unwissenheit der Fachleute, mit denen sie sich auseinander setzten mussten, im Versuch, eine geeignete Ausbildung für Nigel zu finden.

Zu dieser Zeit dachte man, dass nur die absoluten Ausnahmen unter den Kindern mit Down-Syndrom das Lesen lernen könnten. Der kanadische Psychologe David Gibson stellte 1978 fest, dass engagierte Eltern oder Lehrer einigen Erfolg mit den klügeren Kindern mit Down-Syndrom gehabt hatten und dass Lernmethoden an die Lernbedürfnisse der Kinder angepasst worden waren. Doch der Gebrauch des Wortes "klüger" um diese Kinder zu beschreiben ist problematisch. Wie werden Kinder klug? Leslie Duffen stellt fest:
"Meine eigene Erfahrung mit meiner Tochter Sarah beinhaltet viele Perioden von Langeweile und Rebellion. Ich fuhr fort, weil ich an die immense Wichtigkeit der Entwicklung der Sprache und ihre Verbindung zur Entwicklung der Intelligenz glaubte: "Vielleicht sind "Gibsons klügere Kinder" deshalb klüger; weil sie Lesen lernten und nicht wie er vermutete, dass sie deshalb lesen lernten, weil sie klüger seien". Patricia Oelwein meint über Nigel Hunt: "Er wurde als die Ausnahme von der Regel, dass Personen mit Down-Syndrom nicht lesen lernen könnten, betrachtet... Wie auch immer, ich muss zugeben, dass ich nicht glaube, dass Nigel Hunt die Ausnahme sei: Seine Eltern waren die Ausnahme". Als 1980 Leslie Duffen meine Aufmerksamkeit auf die mögliche Bedeutung des Lesens zog, hatten wir einige interessante Hypothesen:

  • dass Kinder mit Down-Syndrom ab einem Alter von 3 Jahren lesen lernen können.
  • dass der Leseunterricht die sprachliche Fähigkeit der Kinder verbessert.
  • dass der Leseunterricht die Kinder klüger macht.