Unterstützte Kommunikation

von Nicolette Blok, Fachbereichsleiterin Beratung, Förderung, Therapie der LH Graz-Umgebung, Voitsberg und Mutter eines Sohnes mit DS

Fast alle Kinder mit Down-Syndrom lernen mit oder ohne Unterstützung sich sprachlich zu verständigen. Einige Kinder sind kaum auffällig, quasseln den ganzen Tag darauf los, andere bekommen mit kurzen Wortsätzen und einer großen Portion Charme genau das, was sie wollen. Bei einer kleinen Gruppe von Kindern mit DS (meist mit zusätzlicher Behinderung) verläuft das Sprechen nicht so erfolgreich. Die Kinder können nicht einfach sagen, dass sie lieber ein Erdbeereis als Vanilleeis hätten, Bauchweh haben oder die Freundin gerade so gemein ist. Auch Methoden, die üblicherweise bei Kindern mit DS verwendet werden, scheinen kaum zu helfen. Diese Kinder kommunizieren zwar und werden von engen Bezugspersonen wie den Eltern oder der Kindergärtnerin genau verstanden, sind jedoch immer abhängig davon, dass diese Personen sich 100% auf sie einstellen und interpretieren, was ein bestimmter Laut oder eine bestimmte Körperbewegung bedeutet. Die Unterstützte Kommunikation bietet neben Gebärden-unterstützter Kommunikation oder dem Frühen Lesen noch eine Reihe anderer Möglichkeiten, die die Kommunikation erleichtern und aufbauen können.

Was ist eigentlich unterstützte Kommunikation?
Unterstützte Kommunikation ist die deutsche Bezeichnung für ein Fachgebiet, welches sich die Verbesserung der kommunikativen Möglichkeiten von Menschen mit schwer verständlicher oder fehlender Sprache zum Ziel gesetzt hat. Durch den Einsatz von individuellen Kommunikationshilfen ist es möglich, dass auch nicht oder kaum sprechende Menschen in ihrem Alltag effektiver kommunizieren können. Effektivere Verständigung bedeutet aber auch bessere Entwicklungschancen, mehr Selbständigkeit, mehr Einfluss auf die Umwelt, mehr Lebensqualität und mehr Selbstbestimmung. Wer kommunizieren kann, kann genau sagen, was er will, kann Fragen stellen oder erzählen, was er weiß und so meist noch mehr erfahren.

Mögliche Alternativen zur eigenen Lautsprache, die man unter dem Begriff Unterstützte Kommunikation zusammenfasst, reichen von einfachen Gesten, Bildern, grafischen Symbolen oder Tasterspielzeugen bis hin zu Gebärden oder technischen Kommunikationshilfen mit künstlicher Sprachausgaben.
Man sucht für jedes Kind, welches nicht oder nur unzureichend spricht, nach Alternativen oder Ergänzungen, ganz individuell auf das Kind ausgerichtet. Die wichtigste Grundhaltung dabei ist, dass alle Menschen etwas zu sagen haben, auch die Menschen, denen man das aufgrund der Schwere der Behinderung absprechen würde.

Wann beginnt man mit Unterstützter Kommunikation?
Es ist wichtig, das kleine Kinder nicht jahrelang erfolglos kommunikative Erfahrungen mit ihren Bezugspersonen machen, die sie isolieren und mutlos machen. Es gibt sensible Phasen, in denen Kinder leicht lernen, zu kommunizieren und in denen sie erfolgreiche Erfahrungen sammeln sollten. Viele Verhaltensauffälligkeiten sind darauf zurück zu führen, dass ein Kind nicht verstanden wird, es nicht erzählen kann, wie aufregend, wunderschön oder beängstigend ein Erlebnis war.

Kommunizieren können bedeutet, sich mitteilen, erzählen, erkundigen. Kinder sprechen mit ihren Bezugspersonen über Dinge, die sie beobachten, sie kommentieren Situationen und formulieren ihre Meinung. Aber vor allem stellen Kinder Fragen und lernen so Begriffe, Zusammenhänge und Geschichten über die Welt. In der Kommunikation zeigen wir unser Denken und unsere Fähigkeiten. Schon sehr früh lernt ein Kind, dass es durch Kommunikation seine Umwelt verändern und beeinflussen kann.

Unterstützte Kommunikation kann also nicht früh genug beginnen. Die Befürchtung, die es früher gab, Unterstützte Kommunikation könne die Lautsprachentwicklung verzögern oder behindern, ist inzwischen vielfach widerlegt worden. Je mehr ein Kind ausdrücken kann, desto mehr wird es sich ausdrücken wollen.

Für den Kontakt mit behinderten oder sprachentwicklungsverzögerten Kindern ist es notwendig, dass in jeder Interaktion beim Kind von einer vorhandenen Absicht ausgegangen wird. Wir müssen uns so verhalten, wie wir es mit einem Säugling automatisch tun würden. Wenn wir von einer Absicht des Kindes ausgehen, lernt das Kind, überhaupt etwas zu beabsichtigen.

Unterstützte Kommunikation hat das Ziel, eine verständliche und gelungene Kommunikation im Alltag zu ermöglichen. Das geht nicht von heute auf morgen. In meiner Arbeit als "Frühe-Kommunikations-Förderin" berichten Eltern immer wieder, dass die Umstellung auf ein neues Kommunikationssystem vergleichbar ist, mit dem Erlernen einer Fremdsprache. Es ist wichtig, ein Kommunikationssystem zu finden, welches auf den Stärken des Kindes aufbaut und deren eigene Gesten und Laute übernimmt. Unterstützte Kommunikation funktioniert dann am besten, wenn die Bedürfnisse des Kindes berücksichtigt werden (also: "Was möchte das Kind erzählen?" Das ist womöglich ganz etwas anderes, als ich glaube!!), und das Kind erfährt, dass es etwas bewirken, etwas verändern, etwas bestimmen kann. Entscheidend ist auch, dass es eine hohe Alltagsrelevanz gibt. Eine gute Zusammenarbeit mit dem Kindergarten oder der Schule ist notwendig, damit auch alle anderen Menschen die Äußerungen des Kindes verstehen! So bekommen das Kind und seine Umgebung immer mehr Sicherheit in der Anwendung, was wiederum zu einer Zunahme des Selbstwertes des Kindes führt.

Unterstützte Kommunikation erfordert Zeit, Geduld und eine hohe Konsequenz. Aber es lohnt sich. Kinder haben natürlicherweise Autonomiebestrebungen, wollen eigentlich bald alles "alleine machen". So lange sie aber einen "Dolmetscher" für den Austausch mit anderen brauchen, ist ihnen das nicht möglich! Dies wiederum behindert sie darin, selbstbestimmt zu sein, die Welt alleine zu entdecken, im Kontakt zu sein mit anderen Menschen und letztlich in ihrer selbstständigen Entwicklung. Genug Gründe also, den Kindern andere Möglichkeiten für eine gelungene Kommunikation zu bieten. Unterstützte Kommunikation bietet verschiedene Methoden, um sich in diesem Prozess auf den Weg zu machen.