Syndromspezifische Förderung von Kindern mit Down-Syndrom

Down-Syndrom Tagung September 2015, Themenblock "syndromspezifische Besonderheiten"
Prof. em. Dr. Etta Wilken (Leibniz Universität Hannover)

Kinder mit Down-Syndrom


Neue Erkenntnisse über spezifische Auswirkungen der Trisomie 21 auf die Gesundheit und über syndromtypische Veränderungen ermöglichen sowohl entwicklungsbegleitende medizinische Behandlung als auch wichtige therapeutische und pädagogische Angebote.

Die sydromspezifischen Veränderungen sind zwar individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt, doch einige Probleme zeigen alle Kinder mit Down-Syndrom. Sie betreffen vor allem Groß- und Feinmotorik, Sprache, Verhalten und Wahrnehmung.

Groß- und Feinmotorik

Die Motorik von allen Kindern mit Down-Syndrom ist beeinträchtigt durch einen verringerten Muskeltonus (Hypotonie) und eine erhöhte Flexibilität der Gelenke und Bänder. Zudem sind bei Kindern mit Down-Syndrom die Arme und Beine im Verhältnis zum Rumpf kürzer. Das erschwert kleinen Kindern das freie Sitzen und die Balance. Sie sitzen deshalb bevorzugt im Schneidersitz und stützen sich mit den Händen auf ihren Beinen ab.

Die Hände der Kinder sind kleiner, die Finger sind kürzer und oft werden Daumen und kleiner Finger abgespreizt.

Das Ziel der motorischen Förderung ist die Vermeidung von syndromtypischen problematischen Abweichungen in der Bewegungsentwicklung – nicht eine Beschleunigung! Kinder mit Down-Syndrom kompensieren oftmals ihre Schwächen, indem sie Bewegungen benutzen, die anfangs leichter, aber langfristig schädlich sind. 

Oft wird Drehung und Greifen über die Körpermitte vermieden und die Benutzung der jeweiligen Hand hängt eher von der Lage des Objektes ab. Dadurch wird die Händigkeitsentwicklung verzögert. Beim Greifen wird der Daumen oft nicht eingesetzt und der abgespreizte kleine Finger beeinträchtigt die Stabilität der Hand und erschwert differenzierte feinmotorische Aufgaben.

Sprache

Bei Kindern mit Down-Syndrom ist die Sprachentwicklung deutlich verzögert und trotz großer individueller Variabilität zeigen sie ein typisches Sprachprofil mit Schwächen in der expressiven Sprache, aber mit deutlichen Stärken im Bereich der Pragmatik. Im Vergleich mit anderen kognitiv beeinträchtigten Kindern, zeigte sich, dass die besonderen Schwierigkeiten der Kinder mit Down-Syndrom beim Spracherwerb und beim Sprechen nicht allein mit den kognitiven Einschränkungen erklärbar sind, sondern dass von spezifischen Schwierigkeiten auszugehen ist. Die Ursache der speziellen sprachlichen Schwierigkeiten wird sowohl mit sprech-motorischen Planungsschwierigkeiten und eingeschränktem Kurzzeitgedächtnis, als auch mit veränderten phonologischen Verarbeitungsprozessen erklärt. Die Berücksichtigung dieser Erkenntnisse für eine angemessene Sprachförderung ist deshalb eine wichtige Bedingung, damit die Kinder ihre sprachgebundenen kognitiven Kompetenzen günstig entfalten können.

Wahrnehmung und Verhalten:

Wahrnehmung ist die bedeutungsbezogene Verarbeitung von Informationen, die wir mit unseren Sinnen aufgenommen haben. Die Sinnestätigkeit ist somit zwar eine Voraussetzung, sie bedarf aber der Strukturierung durch kognitive Ordnungsschemata. Das ist bei Menschen mit Down-Syndrom erschwert. Zusätzlich zu den häufigen Sinnesbeeinträchtigungen ist deshalb von einer allgemeinen Wahrnehmungsschwäche im visuellen, auditiven, taktilen und kinästhetischen Bereich mit entsprechenden Auswirkungen auf die Entwicklung und das Lernen auszugehen.

Obwohl Kinder mit Down-Syndrom zumeist freundlich und aufgeschlossen sind, können sie ausgesprochen „bockig“ sein. Ein besonderes Problem ist oftmals ihr ausgeprägtes Vermeidungsverhalten. Sie geben leicht auf und wenden sich ab und sind geradezu „erfinderisch“ in der Entwicklung von Vermeidungsstrategien. Für die Gestaltung der Förderung ergibt sich als Konsequenz, Angebote so zu gestalten, dass sie das Kind motivieren und ermutigen, etwas auszuprobieren. Durch begleitende Unterstützung ist ein überwiegend Fehler vermeidendes Lernen möglich, und Bockigkeit und Ausweichverhalten treten seltener auf.

In der Veranstaltung sollen diese wichtigen syndromspezifischen Aspekte für die verschiedenen Lebensalter aufgezeigt und Konsequenzen für die angemessene Begleitung und Förderung reflektiert werden.  

Buch Menschen mit Ds in Schule, Familie und Alltag

Etta Wilken Menschen mit Down-Syndrom in Familie, Schule und Gesellschaft
ein Ratgeber für Eltern und Fachleute
Informationen, Anregungen und Vorschläge zu allen Lebensbereichen von Menschen mit Down-Syndrom und für ihre Familien. Beginnend mit dem Baby-, über das Kindergarten- und Schulalter, geht der Ratgeber auf die besondere Situation Jugendlicher und junger Erwachsener ein und befasst sich auch mit dem Erwachsenenalter sowie dem Älterwerden.
Marburg: Lebenshilfe-Verl, 2009