Ein Job auf dem 1. Arbeitsmarkt 
- so kann's gelingen

Cora Halder, Down-Syndrom Tagung September 2015, T7

Schon in den 90er-Jahren schafften die ersten jungen Menschen mit Down-Syndrom den Sprung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Sie hatten meistens im Rahmen der schulischen Integration eine Regelschule besucht und strebten bei der Suche nach einem Job nicht die Beschäftigung in einer Werkstatt für behinderte Menschen an, sondern wollten weiterhin in einem inklusiven Umfeld leben und dort tätig sein.

Heute arbeiten schätzungsweise zwar erst fünf bis zehn Prozent der Erwachsenen mit Down-Syndrom in der freien Wirtschaft. Man muss jedoch davon ausgehen, dass in Zukunft immer mehr junge Menschen mit Down-Syndrom ihr Recht auf einen regulären Arbeitsplatz einfordern werden.

Inzwischen blickt man also auf ca. 20 Jahre Praxis zurück, und es gibt viele positive Berichte über gelungene, schon seit vielen Jahren existierende Arbeitsverhältnisse, wobei sowohl Arbeitgeber wie Arbeitnehmer zufrieden und glücklich über die gute Zusammenarbeit sind. 

Ein Beispiel

Seit 20 Jahren hat Frau M. ihren Arbeitsplatz in einer Firma, die Zulieferer für den augenoptischen Fachhandel ist. Eine reguläre sozialversicherungspflichtige Arbeitsstelle!

Frau M. sagt dazu: „Ich bin sehr glücklich hier!“ Und das Team: „Sie ist eine herzensgute Kollegin. Wir kommen ganz wunderbar zurecht. Man muss Frau M. Verständnis entgegenbringen – dafür, dass sie ihren eigenen Rhythmus braucht, um gut arbeiten zu können. Dieses Verständnis belohnt sie mit Herzlichkeit!“ (Quelle: Fränkische Landeszeitung)

Aus Erfahrungen lernen

Was lernen wir aus den vorliegenden Erfahrungen? Einmal, dass Menschen mit Down-Syndrom sehr wohl in der Lage sind, über lange Zeit ihren Job zu halten und ihrer Firma treu zu bleiben. Auch hat sich herausgestellt, dass sie nicht nur einfachere Arbeiten übernehmen können, sondern auch komplexere Aufgaben sorgfältig und zuverlässig zur vollsten Zufriedenheit des/r ArbeitgeberInnen erledigen können!

Es hat sich ebenfalls gezeigt, dass die oft größere Herausforderung für einen Betrieb nicht das Bereitstellen passender Aufgaben ist, sondern vielmehr der Umgang mit bestimmten Verhaltensweisen dieser jungen ArbeitnehmerInnen. Und auf der anderen Seite, dass es für die jungen ArbeitnehmerInnen nicht immer so leicht ist, sich in einem Betrieb zurechtzufinden oder sich adäquat am Arbeitsplatz zu benehmen.

Zwei Ratgeber, die in diesem Vortrag vorgestellt werden, setzen genau hier an:

1. Broschüre: „Menschen mit Down-Syndrom am Arbeitsplatz“

Für ArbeitgeberInnen, die einem jungen Menschen mit Down-Syndrom einen Praktikumsplatz oder eine feste Anstellung in ihrem Betrieb bieten oder für alle, die dies demnächst vorhaben, wurde ein Ratgeber zusammengestellt, der hilfreiche Informationen über Besonderheiten, die das Down-Syndrom mit sich bringt, enthält.

Ist das notwendig? Ja, denn wir konnten feststellen, dass manchmal gute Arbeitsplätze verloren gingen, nicht weil der junge Mensch mit Down-Syndrom seine Arbeit nicht korrekt ausführte, sondern weil es am Arbeitsplatz immer wieder zu Irritationen und Verwirrungen kam, da er sich in bestimmten Situationen nicht an die gewohnten Regeln hielt oder er auf ungewohnte Weise reagierte.

Verhaltensweisen, die bei Menschen mit Down-Syndrom üblich sind, aber die Außenstehende zunächst befremdend oder als störend empfinden, werden in dem Ratgeber erklärt und es gibt Empfehlungen, wie man damit umgehen kann.

Zu diesen Verhaltensweisen gehören u.a. heftige Gefühlsausbrüche, Selbstgespräche, eine manchmal pedantische Ordentlichkeit, die Vorliebe für immer gleiche Abläufe, die Abneigung gegenüber Veränderungen oder das Bedürfnis, andere zu umarmen.

Einmal thematisiert und sich damit auseinandergesetzt folgt häufig ein „Aha-Erlebnis“: „Ach, deshalb macht er immer …“, oder „Jetzt verstehe ich, warum sie …“

Arbeitgeber werden aufgeklärt über syndromspezifische Besonderheiten und wie diese sich auf das Verhalten der Menschen auswirken und somit auch an ihrem Arbeitsplatz eine Rolle spielen können. Betroffen sind u.a. Sprache und Kommunikation, die Informationsverarbeitung, Routinen und Rituale, Tempo und Zeitgefühl sowie soziale und emotionale Themen. Empfehlungen und Anregungen, wie man dies am Arbeitsplatz berücksichtigen kann, sind für ArbeitgeberInnen und KollegInnen hilfreich und ermöglichen langfristig eine gute Zusammenarbeit.

Damit immer mehr Menschen mit Down-Syndrom einen Arbeitsplatz auf dem ersten Arbeitsmarkt finden und Arbeitsverhältnisse langfristig gesichert sind, ist dieser Ratgeber notwendig und sinnvoll.

Für wen ist die Broschüre?

Die kleine Broschüre ist nicht nur für die Betriebsleitung wichtig, auch alle KollegInnen der Person mit Down-Syndrom profitieren davon. Es wird die Zusammenarbeit in der Firma erleichtern.

Außerdem kann der Leitfaden genauso hilfreich sein für andere Personen, die beruflich, im Freizeitbereich oder privat mit erwachsenen Menschen mit Down-Syndrom zu tun haben. Insbesondere sind das MitarbeiterInnen der Integrationsfachdienste, deren Aufgabe es ist, die jungen Menschen auf den Beruf vorzubereiten und beim beruflichen Einstieg zu begleiten. Auch für das Lehrpersonal in Schulen, das die Jugendlichen auf erste Praktika vorbereitet, ist die Broschüre informativ.

KursleiterInnen, FreizeitbegleiterInnen, WohnassistentInnen oder FerienbetreuerInnen – sie alle werden die beschriebenen Situationen wiedererkennen und nach der Lektüre den Menschen mit Down-Syndrom besser verstehen und sein Verhalten besser einordnen können.

Weiter erscheint es nützlich, dass Verantwortliche in Werkstätten für behinderte Menschen sich mit den syndromspezifischen Themen beschäftigen. Auch ihnen kann ein Mehr an Wissen über die DS-spezifischen Besonderheiten und die Ratschläge über den Umgang damit sicherlich hilfreich sein.

Es ist wichtig, sich im Klaren darüber zu sein, dass weder die beschriebenen Verhaltensweisen immer bei allen Menschen mit DS auftreten, noch dass eine Person alle diese Besonderheiten zeigt. Es gibt zwar Eigenschaften, die Menschen mit DS gemeinsam haben, diese können aber sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Genau wie alle anderen Menschen sind sie Individuen mit ganz unterschiedlichen Interessen, Fähigkeiten und Verhaltensweisen.

2. Broschüre und DVD: „Mein Job und ich – So kann’s gelingen“

Bei den Vorbereitungen für die Broschüre für ArbeitgeberInnen wurde deutlich, dass dies erst die eine Seite der Medaille ist und es auch für junge Menschen mit Down-Syndrom hilfreich wäre, eine Anleitung zu bekommen über die Dos und Don’ts am Arbeitsplatz.

So entstand „Mein Job und ich – So kann’s gelingen“, eine Broschüre, in der Jugendliche mit Down-Syndrom, die sich auf ihre ersten Praktika vorbereiten oder auch schon einen vorläufigen oder sogar festen Arbeitsvertrag in der Tasche haben, informiert werden, welche Umgangsformen und wichtige Regeln in einem Betrieb gelten, welches Verhalten richtig ist und mit welchen Verhaltensweisen man ins Fettnäpfchen treten kann.

Außerdem werden einige wichtige Schlüsselqualifikationen besprochen – Fähigkeiten, die ein Mensch braucht, um ein/e gute/r ArbeitnehmerIn zu sein, wie z.B. Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, Sorgfalt, Fleiß, Leistungsfreude, Konzentrationsfähigkeit, Höflichkeit, selbstständiges Arbeiten, Ausdauer und Kritikfähigkeit.

Die Broschüre ist in einfacher Sprache geschrieben, mit kleinen Geschichten und lustigen Zeichnungen ist alles gut erklärt. Zwei Job-Coaches geben dazu ihren Kommentar ab und bringen alles auf den Punkt.

Weil das Lesen von Broschüren nicht unbedingt jedermanns Sache ist, wurde zusätzlich eine DVD hergestellt, die knifflige Situationen am Arbeitsplatz zeigt. Ganz allgemein gehören Menschen mit Down-Syndrom eher zum visuellen Lerntyp, deshalb liefert der Film zusätzliches Anschauungsmaterial.

Im Fokus stehen u.a. die sogenannten Basics: Welche Kleidung und wie viel Schminke und Schmuck sind passend, wann sagt man „Sie“ und wann „du“ und wie – statt ständig KollegInnen zu umarmen – grüßt man richtig. Es geht um Zuständigkeiten im Betrieb und um das richtige Rollenverständnis. Wer ist wer in der Firma und welche Rolle hat man als PraktikantIn oder frisch Angestellte/r?

Bei den Schlüsselqualifikationen geht es u.a. um das Sich-beherrschen-Lernen, wenn einem etwas nicht passt. Es geht um erwachsenes Verhalten, und dass man nicht den Clown spielt. Flexibilität und Arbeitstempo werden angesprochen – beides sind oft der Grund für Missverständnisse am Arbeitsplatz. Dass man auch unbeliebte Aufträge ausführen muss, ihnen nicht aus dem Weg gehen soll oder sich schmollend zurückzieht, wird besprochen, ebenso wie man mit Kritik umgeht.

Oder Thema Sprache und Kommunikation: dass man beispielsweise nicht zu viel Privates am Arbeitsplatz ausplaudert oder dauernd von seinen Hobbys erzählt. Dass dazwischen reden, tratschen und petzen absolute No-Gos sind und dass diskutieren nicht streiten bedeutet. Und natürlich geht’s um Selbstgespräche, die für die ArbeitskollegInnen störend und am Arbeitsplatz unpassend sind.

Pausenzeiten und Pünktlichkeit, essen und trinken am Arbeitstisch, der Umgang mit Handys sind weitere Themen. 

Für wen ist der Film und die Broschüre?

Film und Ratgeber können schon bei der Vorbereitung auf das Arbeitsleben eingesetzt werden, z.B. in der Schule, wenn die ersten Praktika anstehen. Danach bei der Berufsausbildung durch die Fachdienste und begleitend für diejenigen, die bereits einen Arbeitsplatz gefunden haben.

Selbstverständlich trifft vieles genauso zu auf Menschen, die in einer WfbM oder an einem Außenwerkstattplatz arbeiten. Film und Broschüre können dort ebenfalls zum Einsatz kommen.

Abenteuer mit vielen Überraschungen

Die berufliche Integration bedeutet nicht nur für den Menschen mit Down-Syndrom persönlich eine große Bereicherung, weil er sich als wertvolles Mitglied der Gesellschaft erfährt. Es ist außerdem für alle Beteiligten oft erstaunlich, wie positiv Menschen mit Down-Syndrom sich langfristig entwickeln und wie auch bei ihnen lebenslanges Lernen Früchte trägt.

Die Zusammenarbeit mit ihnen innerhalb eines Betriebes – so zeigen viele Beispiele – bedeutet einen Gewinn für alle, sowohl für die/den Vorgesetzte/n als auch für das ganze Team. Wenn man sich einmal auf das „Abenteuer“ eingelassen hat, ist dies anregend und bereichernd und wird von den ArbeitgeberInnen nicht bereut. Im Gegenteil.  

Im Vortrag werden verschiedene Probleme, die am Arbeitsplatz auftauchen können, beschrieben und mit Hilfe von Filmszenen gezeigt, wie das konkret aussehen kann. Dabei werden sowohl Erfahrungen der ArbeitgeberInnenseite wie die von ArbeitnehmerInnen mit Down-Syndrom einfließen.