Fit bleiben und Freunde finden - Freizeit sinnvoll nutzen

Cora Halder



Cora Halder, Präsidentin der European Down Syndrome Association, Geschäftsführerin des Deutschen Down Syndrom Infocenters, aus dem Tagungsheft der dritten österreichischen DS-Tagung 9/2009, Fachvortrag 4

Viele Erwachsene mit Down-Syndrom verbringen ihre Freizeit mehr oder weniger passiv. Sinnvolle, anregende Freizeitbeschäftigungen sind jedoch wichtig, weil sie wesentlich zur physischen und zur psychischen Gesundheit beitragen. Außerdem können durch die Teilnahme an Aktivitäten Kontakte zu vielen anderen Menschen aufgebaut werden.

Immer häufiger wird in den letzten Jahren berichtet über Probleme im Erwachsenenleben von Menschen mit Down-Syndrom. Probleme wie Depressionen, Rückzug, Abbau von Fähigkeiten, Interessensverlust usw. Zur gleichen Zeit kann man feststellen, dass viele dieser Menschen ein relativ langweiliges und einsames Leben führen. Wir sehen einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Tatsachen.

Bei der Lebensplanung von Menschen mit Behinderungen standen und stehen die Früherziehung, die schulische Förderung und die Berufsvorbereitung im Vordergrund. Das Thema Freizeit wird vernachlässigt, einerseits weil die anderen Bereiche schon aufwändig genug sind und zunächst von vorrangiger Bedeutung, andererseits weil man die Freizeitgestaltung als nicht so wichtig ansieht oder als etwas, das sich von selbst regelt.

Wenn wir allerdings möchten, dass unsere Kinder irgendwann ein möglichst selbstständiges Leben führen sollen, beinhaltet dies nicht nur, dass sie einer Arbeit nachgehen und in einer Wohnung oder Wohngruppe allein, mit einem Partner oder einigen Freunden wohnen können, es bedeutet ebenfalls, dass sie in der Lage sind, ihre Freizeit zu organisieren.

Und das ist gar nicht so einfach!

Erwachsene mit Down-Syndrom haben in Deutschland in der Regel einen Arbeitsplatz, die meisten in einer Werkstatt, einige auch auf dem freien Arbeitsmarkt. Die Arbeitszeit beträgt zwischen fünf und sieben Stunden täglich. Das bedeutet, dass genügend Zeit bleibt, am späten Nachmittag und in den Abendstunden Freizeitbeschäftigungen nachzugehen. Außerdem gibt es die Wochenden und die Ferien, in denen man sich aktiv betätigen kann.

Bei einer Befragung von Menschen mit geistiger Behinderung, wie sie ihre Freizeit verbrachten, wurden folgende Beschäftigungen an erster Stelle genannt: Musik hören, nichts tun oder schlafen und fernsehen (dies sind übrigens auch bei der Gesamtbevölkerung die dominierenden Freizeitaktivitäten). Ihre persönlichen Kontakte beschränken sich häufig auf die mit den Eltern und Verwandten, mit Kollegen am Arbeitsplatz und mit bezahlten Helfern (Betreuern).  Die Menschen, die in einem Wohnheim leben, verbringen sowohl die Arbeitszeit wie die Freizeit mit ihren Mitbewohnern, die also gleichzeitig ihre Arbeitskollegen und ihre Familie bilden. Darüber hinaus kennen sie meistens wenige ander Menschen, haben keine weiteren Freunde und keinen Bekanntenkreis.

Sie haben wenige Gelegenheiten oder Möglichkeiten, einfach irgendwo hinzugehen, teilzunehmen an Aktivitäten in ihrer Gemeinde. Und obwohl sie viel freie Zeit haben, die für anregende und gesellige Aktivitäten genutzt werden könnte, zeigen sie im Gegenteil zunehmend passives Verhalten.

Wir müssen diese Situation ändern. Wir müssen sinnvolle Freizeitaktivitäten auch für die Älteren, für die 30-, 40- oder 50-Jährigen, schaffen. Eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung kann dazu beitragen, dass sie geistig rege bleiben und dass so gesundheitliche und psychische Probleme verhindert werden können.

Wir müssen darauf achten, dass sie sich nicht immer weiter zurückziehen und vereinsamen, und dafür sorgen, dass durch eine anregende, abwechslungsreiche Freizeitgestaltung eine gute Lebensqualität erhalten bleibt. Gleichzeitig können Aktivitäten in der Freizeit eine Hilfe sein beim Aufbau eines sozialen Netzwerks. Der aktive Mensch lernt dabei andere Menschen in seiner Gemeinde kennen und umgekehrt, die anderen lernen ihn kennen. Wenn Eltern älter werden und sterben, Geschwister nicht mehr so zur Verfügung stehen, ist es wichtig, dass der Mensch mit Down-Syndrom viele andere Kontakte hat, Menschen in seiner Umgebung kennt, die ihn über viele Jahre erlebt und schätzen gelernt haben und die ihn auch weiterhin begleiten können.

Wissenschaftler haben ausgerechnet, dass der Mensch im Durchschnitt täglich über sechs Stunden freie Zeit verfügt! Für Menschen mit einer Behinderung kommen da häufig noch einige Stunden hinzu. Grund genug, sich Gedanken zu machen, was sie mit diesen vielen freien Stunden sinnvoll anfangen können.

Das Thema Freizeitgestaltung darf nicht mehr so stiefmütterlich behandelt werden wie bisher. Es ist ein wichtiger Aspekt, neben den Bereichen der Förderung, der Arbeitsvorbereitung und des Wohntrainings.

Was tun Menschen in ihrer Freizeit? Was können brauchbare Angebote, passende Beschäftigungen sein für unsere Personen mit Down-Syndrom? In diesem Vortrag möchte ich u.a. einige Ideen weitergeben, Anregungen, wie man das Kind oder den Jugendlichen mit Down-Syndrom zu einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung erziehen oder den schon erwachsenen Menschen bei der Suche nach geeigneten Aktivitäten unterstützen kann. Dass dies nicht immer einfach ist und dass man mit verschiedenen Hindernissen rechnen muss, wird ebenfalls thematisiert.