Zähneknirschen aus kinesiologischer Sicht

von Stephen Hruschka

Ob in der Nacht oder auch tagsüber, Zähneknirschen ist weit verbreitet.
Auffallend häufig kann man es bei Kindern mit Trisomie 21 feststellen. Wir stellen uns dieses Mal die Frage:
Was passiert dabei im Körper?
Was könnten dahinter für Gründe stecken? Gibt es Abhilfen?

Beißen Sie einmal selbst fest zusammen und fühlen dabei, was Ihr Körper dadurch erreicht. Wahrscheinlich merken Sie, dass Sie nicht nur die Kiefermuskulatur anspannen, sondern instinktiv auch die Schultern heben, den Kopf leicht nach vorne schieben und einziehen, und in allen Muskeln des Körpers die Spannkraft leicht verstärken. Bereit zum Sprung, zum Angriff, zur Flucht.

Wir nennen diese Reaktion des Körpers "on guard"-Mechanismus, der immer dann aktiviert wird, wenn wir emotional mit etwas konfrontiert sind, was uns im ersten Moment überfordert. Auf jede reale oder vermeintliche Betrohung reagieren wir instinktiv mit diesem Schutzmechanismus, so wie die Katze mit dem Katzenbuckel oder der Hund mit dem Zähnefletschen. Also ein sinnvoller Mechanismus. Denn durch das Zusammenbeißen der Kiefermuskulatur halten wir unsere Schädelknochen fest zusammen und schützen auf diese Art, sollte es zum Angriff kommen, unseren Kopf.

Auch alle anderen Muskeln unseres Körpers sind in Alarmbereitschaft und wir müssen uns für Kampf, Flucht oder Totstellen entscheiden. Dieser Schutzmechanismus hat einen Nachteil. Obwohl er oft gar nicht mehr notwendig ist, verharren wir in ihm und bleiben auf der emotionalen Ebene stecken. Wir sind also nicht mehr lernfähig, haben keine Zeit zum Denken. Wir kennen dieses Phänomen auch von Prüfungen. Zu Hause, in ruhiger Atmosphäre, können wir aus unserem Gedächtnis sehr wohl das Gelernte abrufen, das wir dann bei der Schularbeit plötzlich vergessen haben oder übersehen. In Aufregung setzen wir andere Prioritäten.

Unsere Emotionen meinen: Überleben geht vor Denken!

Je empfindlicher und feinfühliger wir auf unsere Außenwelt reagieren, desto leichter werden wir in diesen Zustand kommen. Auch die so offenherzigen Trisomiekinder werden mit neuen Erfahrungen vorsichtig umgehen. Alles, was neu ist und auf sie zukommt, muss von ihnen überprüft werden; alle, auch schöne Aufregungen verarbeitet werden.

In solchen Situationen suchen sie, genauso wie wir, das richtige Gleichgewicht zwischen ausreichendem Schutz und Offenheit für Lernerfahrungen, die nur in einem entspannten, lockeren (= ungeschützten) Zustand verarbeitet werden können. Will man in solchen Momenten Hilfe und Unterstützung geben, ist es sicher sinnvoll
zu hinterfragen, welche Aufregungen zum Zähneknirschen beitragen können und wie man am Besten damit umgeht. Ganz allgemein aber ist es sicher hilfreich und angenehm, die Kiefermuskulatur (um das Kiefergelenk und zwischen Ober- und Unterkiefer) sowie Nacken und Hinterkopf zu massieren. Können liebevolle Hände Schutz und Geborgenheit vermitteln, kann sich das Leben frei entfalten und entwickeln.