Kinder mit DS im Unterricht

Kurzfassung eines Kapitels des Buches "Menschen mit DS in Familie, Schule und Gesellschaft" von Prof. Dr. Etta Wilken, Marburg 2009, 2. Auflage;
aus dem Heft 37 der Zeitschrift "Leben Lachen Lernen"

Im Schulalter zeigt sich, dass es DIE Förderung für Kinder mit DS nicht geben kann. Stattdessen sollte jedes Förderkonzept zum einen individuell, am Bedarf des jeweiligen Kindes orientiert, ansetzen; zum anderen müssen die Lehrer natürlich die für das DS typischen Besonderheiten beim Lernen angemessen berücksichtigen, d.h. didaktisch und methodisch entsprechende Vorgehensweisen entwickeln und differenzierte Angebote gestalten.

Eine Befragung ergab, dass die Eltern mit der schulischen Förderung ihrer Kinder sehr unterschiedlich zufrieden waren. Mit gut bzw. sehr gut wurde sie nur von etwa 50 Prozent bewertet. Als wesentliche Veränderung der schulischen Förderbedingungen wünschten sich viele Eltern ein erweitertes Angebot integrativer oder kooperativer Beschulung, aber auch eine deutlichere individuelle Förderung des Kindes. Sie äußerten den Bedarf nach einem differenzierten Lese- und Schreibunterricht und einem besseren therapeutischen Angebot - sowohl in den Integrationsklassen an allgemeinen Schulen als auch in den Sonderschulen.

Die Grundschulzeit bietet mit ihren breit gefächerten Angeboten den Kindern ausgezeichnete Möglichkeiten, ihre Grob- und Feinmotorik zu verbessern. Auch Ausdauerleistungen, die Konzentration und Genauigkeit verlangen, können jetzt geübt werden, um die Grenzen, welche durch die Hypotonie gegeben waren, behutsam zu erweitern.

Die Kinder verbessern ihre grobmotorischen Leistungen, wenn sie angemessene Unterstützung erhalten. Um das Potenzial nutzen zu können, welches die natürlichen Bewegungsspiele bieten, benötigen viele Kinder zunächst assistierende und strukturierende Hilfen durch die Erwachsenen.

Viele Kinder sitzen mit Vorliebe im Schneidersitz, selbst auf dem Stuhl. Das ist für bestimmte vor dem Körper ausgeführte Tätigkeiten und Arbeiten am Tisch hinderlich. Einige Kinder neigen aufgrund der Hypotonie dazu, mit sehr rundem Rücken zu sitzen und den Kopf extrem nahe zur Tischoberfläche hinabzubeugen - "mit der Nase zu arbeiten". Auf jeden Fall müssen Stuhl und Tisch ihrer Körpergröße angepasst sein; die im Klassenraum vorhandenen Möbel sind vielleicht zu groß, da die Kinder mit Down-Syndrom im Durchschnitt ja kleiner als ihre Mitschüler sind. Die Kinder sollten ihre Füße bequem auf den Boden stellen können, die Tischplatte darf nur so hoch sein, dass sie ihre Unterarme locker abstützen können.

Zu Beginn der Schulzeit haben die meisten Kinder aufgrund ihrer Kindergartenerfahrung schon ein gutes Sozialverhalten und eine gewisse Selbstständigkeit entwickelt. Sie spielen in kleinen Gruppen und sind für überschaubare Aufgaben gut zu motivieren. Spielregeln ermöglichen den Kindern, die beliebten Rollenspiele (Bus fahren, Einkaufen, Arztbesuch), in denen sie Erfahrungen wiederholen, zu variieren und zu vertiefen; sowie geplante Vorhaben zu erproben. Ebenso helfen die Rollenspiele ihnen, soziale Verhaltensweisen in verschiedenen Situationen zu üben (Auskunft erfragen, um Hilfe bitten).

Die Lehrer sollten die jeweils erreichten  individuellen Kompetenzen des Kindes erfassen und dokumentieren: Durch eine genaue Beschreibung der gegenwärtigen Fähigkeiten können die nächsten Lernschritte und -ziele für das einzelne Kind benannt und verlässlich geplant werden.

Lernen

Im Schulalter entspricht das visuelle Gedächtnis etwa dem Intelligenzalter des Kindes. Dagegen weist das auditive Gedächtnis - also das Verstehen und Behalten von Gehörtem - deutlichere Schwächen auf. Die Kinder lernen daher besser konkret handlungsbezogen, weniger durch überwiegend sprachliche, abstrakte Information.

Deshalb muss man gut überlegen, wie Lernangebote strukturiert werden können, damit das Kind das Ergebnis (die Idee, das Ziel oder Produkt) kennt und bei jedem Lernschritt "vor Augen hat".

Das Kind baut seine innere Sprache - sein Verstehen und Denken - auch auf, indem wir sein aktuelles Handeln versprachlichen, in Worte fassen, mit Sprache begleiten. Wenn eine Handlung wiederholt werden soll, erinnern wir an die einzelnen Schritte, indem wir sie sprachlich bezeichnen. Das Kind benötigt diese Strategien des In-Worte-Fassens, des sprachlichen Begleitens, um Teilschritte innerhalb der Lernvorgänge zu behalten und sie aufeinander aufbauen zu können.

Kinder mit DS sind manchmal schnell enttäuscht. Sie haben eine deutlich herabgesetzte Frustrations-toleranz. Daher weigern sie sich bei eventuell zu erwartendem Misserfolg oftmals, eine Aufgabe überhaupt erst zu versuchen. Dann blocken sie direkte Aufforderungen ab, versuchen sie zu überhören oder davon abzulenken. Diese Vermeidungsstrategien treten auch im Unterricht besonders bei Überforderung oder zu komplexer Aufgabenstellung auf.

Wenn Kinder mit DS eine Aufgabe erhalten haben, brauchen sie längere Zeit als andere Kinder, bis sie vom Verstehen und Bedenken der Handlung zum Umsetzen kommen. Dabei handelt es sich nicht um eine "typische Trägheit", sondern um biologisch strukturell verursachte Schwierigkeiten. Diese längere Reaktionszeit sowie das insgesamt langsamere Arbeitstempo und eine relativ rasche Ermüdbarkeit verlangen vom Lehrer, die Aufgaben nach diesen Gesichtspunkten sorgfältig auszuwählen und zu gestalten.

Typisch für die meisten Kinder ist ihre Freude an Musik und besonders an rhythmischer Aktivität. So ist es hilfreich, zum Lernen musisch-rhythmische Unterstützung einzusetzen, um die Kinder zu motivieren und ihre Aufmerksamkeit zu erhöhen.

Die Sprache

Fast alle Kinder mit DS sind im sprachlichen Bereich besonders eingeschränkt. Die Fähigkeiten, welche die Kinder im Sprechen und in ihrem Sprachverständnis erlangen, sind jedoch individuell ganz unterschiedlich.

Einige Kinder antworten nicht gern und/oder erzählen kaum spontan von ihren Erlebnissen. Sie zeigen eine deutliche Sprechunlust, vor allem bei wiederholten Aufforderungen zum Nachsprechen. Kinder, die Wörter und kurze Sätze eigentlich relativ gut sprechen können, haben beim Erzählen oft Mühe, sich verständlich zu machen. Besonders in längeren Sätzen "verwischt" die Artikulation zunehmend. Auch Stottern kommt bei Kindern mit DS vermehrt vor.

Das Sprachverständnis ist fast immer deutlich besser, als man aufgrund der Sprechleistung annehmen kann. Vor allem bezogen auf konkrete Situationen und Erfahrungen ist das Sprachverständnis zumeist gut. Die Einschränkungen in der Sprache und im Sprechen sind immer deutlich stärker ausgeprägt als die im kognitiven und im sozialen Bereich.

Lesenlernen

Auf die bei Kindern mit DS bestehende Fähigkeit, relativ erfolgreich das Lesen zulernen, ist schon häufig hingewiesen worden (König 1959). Auch die anfangs geäußerten Bedenken, dass sinnentnehmendes Lesen wohl kaum erreichbar sein könne, sind durch vielfache Erfahrungen widerlegt worden. Die Briefe, Berichte und Aufsätze, die von einigen Kindern und Erwachsenen mit DS vorliegen, zeigen beeindruckende schriftsprachliche Fähigkeiten (Bender 1987; Fraas 1996; Wilken 2000, 166f.)

Auch wenn einige Kinder ganzheitliches Lesen zur Sprachförderung im Kindergartenalter gelernt haben, sollte das eigentliche Lesenlernen vor allem als eine Aufgabe der Schule gesehen werden. Dabei zeigte sich, dass sich mit den üblichen Kriterien nicht sicher vorher bestimmen ließ, ob ein Kind zum Lesenlernen bereit ist oder nicht. Die einzige Möglichkeit, das herauszufinden, ist, mit den geeigneten Verfahren anzufangen (Bird, Buckley 1994, 29).

In der Pädagogik auch für Menschen mit geistiger Behinderung, wird die Bedeutung des Lesens vorwiegend nur als "Kulturtechnik" unter dem Aspekt der Teilhabe am Schriftsprachgebrauch gesehen. Aber der Leseunterricht kann darüber hinaus die sprachliche Entwicklung bei Kindern mit DS insgesamt fördern.

Unter Berücksichtigung der syndromspezifischen Erfordernisse sollte darum in der Schule ein angemessener Leseunterricht angeboten werden. Das häufige Vorurteil, Kinder mit DS könnten generell nicht "richtig" lesen lernen, sollte endgültig überwunden werden.

Hinsichtlich des Schreibunterrichts denken viele Menschen oft nur an das Erlernen der Schriftsprache im engeren Sinne. Gerade für Kinder mit DS ist es aber - wie für alle Kinder mit Lern- oder geistiger Behinderung - wichtig, die kommunikative Funktion schriftlicher Mitteilungen zu erfahren. Dazu verwenden wir einen erweiterten Schreibbegriff, der ganz unterschiedliche Darstellungsformen von Mitteilungen einschließt (Schmetz 1996, 107 ff.)

Die mathematischen Fähigkeiten

Im mathematischen Bereich zeigt sich, wie bei allen anderen Fähigkeiten der Kinder mit DS auch, wiederum eine große Streubreite ihrer individuellen Leistungen. Allerdings verfügen selbst diejenigen Kinder, die relativ gute Fähigkeiten im Lesen und Schreiben zeigen, meist über deutlich geringere Leistungen im Rechnen. Die Ursachen dieser mathematischen Schwäche lassen sich aber nicht alleine mit dem Grad der Beeinträchtigung erklären. Bei verminderter Sprachkompetenz können die Kinder Zusammenhänge nur eingeschränkt in Worte fassen, und damit wird ihnen das Gliedern und Ordnen natürlich erschwert. Ebenso ist ihre Möglichkeit, Erfahrung sprachlich zu speichern, zu erinnern, in Beziehung zu setzen und in neue Situationen zu übertragen, beeinträchtigt. Das betrifft damit auch diejenigen Erkenntnisprozesse, welche für mathematisches Denken grundlegend sind.   

Buch Menschen mit Ds in Schule, Familie und Alltag

Etta Wilken Menschen mit Down-Syndrom in Familie, Schule und Gesellschaft
ein Ratgeber für Eltern und Fachleute
Informationen, Anregungen und Vorschläge zu allen Lebensbereichen von Menschen mit Down-Syndrom und für ihre Familien. Beginnend mit dem Baby-, über das Kindergarten- und Schulalter, geht der Ratgeber auf die besondere Situation Jugendlicher und junger Erwachsener ein und befasst sich auch mit dem Erwachsenenalter sowie dem Älterwerden.
Marburg: Lebenshilfe-Verl, 2009