Frühes Lesen - die Methode

Nicolette Blok

Bei dieser Methode wird mit Memory- oder Lottokärtchen gearbeitet. Die erste Stufe des Programms ist zur Vorbereitung gedacht: Das Kind lernt hier Bilder voneinander zu unterscheiden. Man nimmt hier ganz normale handelsübliche Lotto- oder Memoryspiele. Ab der zweiten Stufe lässt sich das Material ganz leicht und billig selber herstellen. Mit Korrespondenzkarten und einem schwarzen Stift werden Kärtchen hergestellt, worauf abstrakte Zeichen oder Wörter geschrieben sind. Es wird sichergestellt, dass das Kind verschiedene Bilder oder dann auch Wörter voneinander unterscheiden kann. Das optische Unterscheidungsvermögen wird gefördert und im Zusammenhang damit, versucht man auch das akustische Unterscheidungsvermögen zu verbessern, da das Kind darüber hinaus genau hinhören soll.

Die Kinder lernen also mit Wortkarten. Zuerst werden gleiche Wörter zugeordnet, dann soll das vorgelesene Wort erkannt und ausgewählt und schließlich das Wort selbst benannt werden.

Ich arbeite immer mit 6 Basiskarten und 6 Karten, die zum Zuordnen verwendet werden. 

Diese Begriffe sind von Bedeutung:

Zuordnen: Das Erkennen der verschiedenen Wortmuster und die Unterscheidung voneinander. 
Auswählen:
Das Assoziieren des geschriebenen Wortes mit dem Klang des gesprochenen Wortes.
Benennen: Das selber Benennen des Wortes, sobald man es sieht.
Verstehen:
Die Bedeutung verstehen.

Stufe 1: Das Bild-Lotto-Programm 

  • Zuordnen von sechs Bildkärtchen:
    Sprich: “Leg das Gleiche auf das Gleiche.“
  • Zuordnen von sechs Bildkärtchen:
    Sprich: “Schau ein Ball, leg den Ball auf den Ball.“ „Schau ein, Auto auf Auto.“ …            
  • Auswählen von  einem aus Bildkärtchen:
    Sprich: “Gib mir Ball!“, dann „Gib mir Puppe!“ …            

Bei der Stufe wird mit Memory oder Bildkärtchen gearbeitet, allerdings finden nicht alle Kinder Gefallen an diesen meist lieblich gestalteten Kärtchen. Bei einigen Kindern habe ich das Lieblingsspielzeug fotografiert und am Computer selbst Kärtchen hergestellt.

Stufe 2: Das Wort-Lotto-Programm / Das visuelle Unterscheidungs-Programm

Nach dem gleichen Verfahren wie mit dem Bilder-Lotto arbeitet man jetzt mit Wörtern. Man fängt mit Wörtern an, die sich in Länge und Aussehen deutlich voneinander unterscheiden. Es wird geübt, das Gleiche auf das Gleiche zu legen, zu zeigen oder zu geben.

Bei dieser Stufe geht es lediglich um das visuelle Unterscheidungsvermögen. Es werden die Wörter noch nicht benannt. Das Kind braucht noch nicht selbst zu sprechen. Es ist nicht wichtig, welche Wörter hier ausgesucht werden, nur dass sich die Wörter im Aussehen nicht ähneln. Man übt also das visuelle Unterscheidungsvermögen, dieses Mal mit Wort- anstatt mit Bildkarten.

Bei dieser Stufe arbeite ich viel lieber mit abstrakten Zeichen, vor allem bei jenen Familien, in denen Eltern verunsichert sind, weil ich bereits mit Wörtern arbeite.                                    

Stufe 3: Das individuelle Leseprogramm

Wenn das Kind in der Lage ist, Wörter oder eben abstrakte Zeichen zu unterscheiden, kann man mit den ersten „echten“ Lesewörtern anfangen. Diese Wörter werden sorgfältig und für jedes Kind individuell ausgewählt. Die ersten Wörter, die man dem Kind anbietet, sind Wörter, die das Kind bereits sprechen kann, oder solche, bei denen man vermutet, dass das Kind sie gerne sagen möchte. Auf jeden Fall sind es Wörter aus der direkten Umgebung des Kindes. Diese müssen interessant und wichtig sein.

Meistens sind die ersten Wörter Namen von Personen aus der Familie, Esswaren, Spielsachen usw. Es wird auf dieser Stufe nur mit Wortkarten gearbeitet und kein  Bildmaterial zur Veranschaulichung benützt. Es geht darum, die Wortbilder im visuellen Gedächtnis zu programmieren, sie wiederzuerkennen.

Es ist wichtig, dass relativ bald Verben wie „ist“ oder Wörter wie „da“ und „weg“ angeboten werden. So kann man nämlich bald kleine Sätzchen bilden. „Papa weg.“ „Da ist Mike.“ „Wo ist Mama?“ usw.

Folgende 5 Schritte werden bei jedem Wort wiederholt:

  • Lege das Gleiche auf das Gleiche! (Kind ordnet zu.)
  • Jetzt erst benennt man das Wort: „Lege Katze auf Katze!“ (Kind ordnet zu.)
  • Zeige auf das Wort Ball und sprich: „Da steht Ball. Wo steht noch Ball?“ (Kind sucht das Wort.)
  • „Gib mir!“ oder „Zeig mir Katze!“ (Kind gibt oder zeigt das Wort.)
  • Das Wort wird gezeigt. „Wie heißt das?“ (Kind erkennt das Wort und spricht/liest „Katze“.) 

Das Wort muss hier nicht sofort deutlich gesprochen werden, vielleicht kommen nur einzelne Buchstaben oder Laute. Einige Kinder, die gar nicht sprechen, keine Laute produzieren, holen die Gegenstände oder zeigen z.B. auf die Mama oder nutzen die entsprechenden Gebärden.

Die Wörter werden ohne Artikel angeboten, da sich dieser je nach Fall ändert. Da Kinder mit Down-Syndrom häufig Probleme mit geänderten Situationen haben und die Wörter fix einprogrammiert werden, würden sie z.B. „Mike spielt mit der Ball.“ lesen. Daher werden alle Artikel inklusive Deklinationen genauso eingeübt, wie alle anderen Wörter.

Wenn das Kind die Arbeitsweise verstanden und geübt hat, und eine gewisse Anzahl Wörter  bereits lesen kann, kann ein nächster Schritt gesetzt werden: „Hier steht Semmel. Leg Semmel auf Semmel!“

Ordnet das Kind flott und fehlerfrei zu und gibt oder zeigt es die Wörter, wenn man danach fragt, kann man darauf vertrauen, dass das Kind diesen Schritt beherrscht. In der nächsten Stufe wird das Wort dennoch immer wieder verwendet. 

Stufe 4: Das strukturierte Leseprogramm

Diese Stufe ist dazu gedacht, die Wörter zu festigen, zu automatisieren, zu benützen. Man kann kleine Sätze schreiben. z.B. „Mike isst gern Soletti.“ Man lässt diesen Satz lesen, deckt den Satz zu und sagt „Was hast du gerade gelesen?“ oder „Was isst Mike gern?“ usw.

Außerdem kommen alle Wörter, die das Kind liest in ein Foto-Flip-Album (zum Umklappen). Das Kind liest so ein Wort, blättert um und sieht dann das dazupassende Bild oder die Zeichnung auf der Rückseite. Diese Bücher werden von allen Kindern gern benützt, auch um anderen zu zeigen, dass man schon lesen kann.  

Wenn das Kind ca. 20 Wörter beherrscht, empfiehlt es sich, ihm die erste Lesefibel anzubieten. Leider gibt es bei uns im Handel keine Bücherreihe, die man benützen kann. Man stellt in diesem Stadium am besten selbst Lesebücher her, die ganz individuell an das jeweilige Kind, seine Erlebniswelt und seinen Lesewortschatz angepasst sind. Ich habe mir angewöhnt und die Eltern dazu motiviert, viel zu fotografieren. So kann man Geschichten zu den Fotos schreiben oder Foto-Versteck-Geschichten kreieren. Hierbei ist das Bild verdeckt und erst wenn das Kind den Satz darunter gelesen hat, darf es nachsehen, ob der Satz zum Bild passt.

Man kann einfache Bilderbücher mit einem eigenen Text versehen. Die benötigten Wörter kann man dem Kind zuerst durch die Lotto-Methode lernen.

Mit ein bisschen Phantasie werden die Wörter auf diese spaßige Weise wiederholt, gefestigt, automatisiert und im Alltag eingebaut! 

Stufe 5: Das Buchstaben-Programm

Wenn das Kind ungefähr 50 Wörter auf den Karten lesen kann, wird mit dem Buchstaben-Programm angefangen. Auf die gleiche Weise (Lotto, zuordnen, auswählen usw.) wie mit den Wörtern, werden so alle Buchstaben eingeübt. Eine Schwierigkeit ist die Groß- und Kleinschreibung der deutschen Sprache. Am besten bietet man beide Buchstaben gleichzeitig an. Diese Stufe ist für viele Kinder nicht ganz einfach. Sie lernen zwar schnell alle Buchstaben, aber das Zusammenlauten bleibt für einige Kinder sehr schwierig. Vor allem das Zusammenlauten von Wörtern, die dem Kind noch unbekannt sind. Die Buchstaben an sich sind bedeutungslos, und gewinnen die eigentliche Funktion erst beim Lesen. Die Stufe bei der es nun um das eigentliche Lesen geht, ist die größte Hürde beim Leselernprozess.

Für die Kinder, die ich als Frühförderin betreue, würde ich diese Stufe eigentlich nicht anbieten. Hier geht es um eine Kulturtechnik, welche, glaube ich, Aufgabe der Schule sein sollte. Auch bei Mike haben wir bemerkt, wie schwierig diese Stufe ist. Es war eine frustrierende Zeit und wir haben dann einfach wieder mit der Ganzwortmethode weitergearbeitet. Es gibt auch keinen Grund auf der Buchstabenstufe zu beharren. Kinder mit Down-Syndrom können enorm viele Wörter speichern. Es gibt kleine Kinder, die 600 bis 800 Wörter in ihrem visuellen Wortschatz haben. Und mit so vielen Wörtern lässt sich vieles erlesen. Übrigens auch „normale“ Erwachsene lesen nicht zusammenlautend, sondern nahezu immer ganzheitlich.

Es gibt keine Methode, die allgemein Gültigkeit hat! Die Erfahrung hat aber gezeigt, dass viele Kinder mit Down-Syndrom von der Frühleselernmethode profitiert haben. Es ist, auch für mich, immer wieder beeindruckend, wenn einige 3- oder 4-jährige Kinder 50-60 oder manchmal noch viel mehr Wörter kennen und mit großer Freude dabei sind. Das Wichtigste dabei ist, dass ihre Sprachentwicklung positiv beeinflusst wird und das Sprechenlernen unterstützt wird. Für Kinder mit Down-Syndrom ist das Lesenlernen eine besondere Hilfe im Spracherwerb. Es hat sich deutlich gezeigt, wie der „Leseunterricht“ die Sprachentwicklung insgesamt fördert.